Sein Händedruck bei der Begrüßung ist noch sehr fest. Dennoch spürt das Gegenüber, dass Hubert Kaufleitner angestrengt wirkt. Durch die Nase bekommt er Sauerstoff zugeführt. Der 53 Jahre alte Hochburger ist trotz seines fast 20-jährigen Leidens an der Lungenkrankheit Sarkoidose immer noch bester Dinge. Seit neun Jahren lebt er mit einer fremden Lunge. Trotzdem der wieder deutlich zunehmenden Sauerstoffknappheit ist er im Vereinsleben von Hochburg-Ach sehr engagiert. Genauso wie in der Selbsthilfegruppe für Herz- und Lungentransplantierte in Salzburg, die er mitbegründet und in der Leitung mitarbeitet. Heuer kommen ihm die Einnahmen des Seppl-Laufs für den barrierefreien Umbau seines Badezimmer zugute. Der Benefizlauf findet an Silvester in Hochburg-Ach statt.
InnSalzachKurier-Reporter Uli Kaiser sprach mit Hubert Kaufleitner.
ISK Herr Kaufleitner, Sie leiden an Sarkoidose. Was verbirgt sich dahinter?
Hubert Kaufleitner: In der Lunge bilden sich viele kleine Knötchen. Diese könnten sich sogar auf weitere Organe ausbreiten, was bei mir zum Glück nicht der Fall ist. Ergebnis dieses Befalls ist, dass die Lungenleistung Schritt für Schritt fällt. Ich habe nie geraucht. Genauso wenig gab es in meiner Familie irgendwelche Anzeichen dafür. Um es kurz zu machen: Am Ende benötigte ich 12 Liter Sauerstoff pro Minute und konnte nicht mehr als fünf Meter gehen. Nach drei Stufen musste ich zehn Minuten Pause machen.
ISK Wie ging es im Beruf?
Hubert Kaufleitner: Von 1987 bis September 2001 konnte ich meinen Beruf als Bauingenieur noch ausüben. Ab 2001 war ich schon so geschwächt, dass mir ein Kollege den Aktenkoffer tragen musste. Nachdem ich 2001 vor die Tür gesetzt wurde, habe ich mich weiter um einen Job bemüht. Das gilt übrigens auch für die Zeit nach meiner Lungentransplantation. Keiner wollte mich mehr haben.
ISK Sie wirken, trotzdem Sie jetzt wieder langsam an Lungenleistung verlieren, sehr fröhlich und ausgeglichen. Was hält Sie so lebendig?
Hubert Kaufleitner: Ich bin ein richtiger Vereinsmeier. Ich singe sehr gerne und habe auch einen Chor mitgegründet. Diese große Freude habe ich mir nie nehmen lassen — auch als ich kaum mehr gehen konnte und selbst ein paar Meter nur im Rollstuhl überbrücken konnte. Viel Befriedigung verschafft mir auch das Engagement in der Salzburger Selbsthilfegruppe für Herz- und Lungentransplantierte. Hier betreiben wir Aufklärung, helfen Betroffenen und deren Angehörigen.
ISK Sie haben bereits erwähnt, dass Sie seit 2004 eine neue Lunge haben. Wie war das Gefühl, als Sie nach der OP erwacht sind?
Hubert Kaufleitner: Sie müssen sich vorstellen, dass sich im September 2004 mein Zustand — so wie oben beschrieben — verschlechtert hat. Ich bin sehr gläubig und sagte zum Herrgott: Entweder du hilfst mir jetzt oder du beendest das Ganze. Seit August 2004 stand ich auf der Liste für Lungentransplantationen. Im letzten Augenblick kam der Anruf. Alles war vorbereitet. Es ging nach Wien zu Dr. Walter Klepetko. Der Rest ist schier unglaublich. Am nächsten Tag operierten mich die Ärzte sechs Stunden lang. Als ich aufwachte, konnte ich alleine wieder voll durchatmen. Ein absoluter Wahnsinn. Bereits nach einer Woche konnte ich ganz ohne Hilfsmittel Treppen steigen. Nach neun Wochen Krankenhaus und Reha, war ich wieder daheim.
ISK Viele sagen, der Charakter verändere sich nach einer solchen OP. Das gelte besonders für Herz-OPs. Was ist da dran?
Hubert Kaufleitner: Im Rahmen der Arbeit mit Betroffenen rede ich mit vielen. Es ist definitiv nicht so, dass sich der Charakter verändert, weil man ein Organ eines Fremden in sich hat. Was sich verändert, ist die Sicht auf viele Dinge des Lebens. Vieles, was man im früheren Leben als ganz normal empfunden hat, gerät in den Hintergrund. Zum Beispiel Druck auf jemanden auszuüben, damit eine Baustelle fertig wird.
ISK Gibt es ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Spender?
Hubert Kaufleitner: Nein. Das ist bei niemandem so. Keiner erfährt, wer der Spender war. Ich denke schon an meinen unbekannten Helfer und zünde ihm in der Kirche öfter eine Kerze an. Außerdem muss jedem bewusst sein, dass dem anderen Menschen nicht mehr zu helfen war, dessen Organe aber weiteres Leben ermöglichten. Bei uns in Österreich gilt die Regel, dass jeder Organspender ist, außer er ist ausdrücklich dagegen. Das ist in Deutschland anders.
ISK Kein Spaß ohne Freude. Wie sieht es mit den berühmten Nebenwirkungen aus?
Hubert Kaufleitner: Jeder Körper verfügt über ein Immunsystem, das Fremdes abstößt. Die Abstoßung hört insbesondere bei der Lunge nie auf. Ich muss täglich zwischen 15 und 20 Tabletten nehmen. Im Wesentlichen halten diese das Immunsystem eher schwach. Das begründet auch die Nebenwirkungen. Im Umkehrschluss bin ich äußerst infektanfällig und muss sehr aufpassen. Außerdem vergiften die Medikamente langsam meine Nieren, die sich mit den diversen Stoffen herumschlagen und diese abbauen müssen.
ISK Im Rahmen unseres Gesprächs wurden schon viele Punkte erläutert, die in der Aufklärungsarbeit ihres Vereins zu finden sind. Welche Dinge gibt es noch, die vielleicht komisch wirken, aber sehr wichtig sind?
Hubert Kaufleitner: Wer zum Beispiel vorher einen Hund hatte, darf danach wieder einen haben. Sich jedoch zum ersten Mal einen anschaffen, geht nicht. Außerdem darf keine Blumenerde wegen der Bildung von Schimmelpilzen im Haus sein. Genauso darf man keine Grapefruit oder Johanniskraut aufnehmen. Diese beiden Sachen neutralisieren die
Wirkung der Medikamente. Grapefruit ist in vielen Radler-Getränken enthalten.
ISK Wie lange können Spenderorgane ihren Dienst im Körper tun?
Hubert Kaufleitner: Die Ärzte sagen, dass es verschiedene kritische Zeiten gibt: nach sechs Monaten sowie nach einem, drei und sieben Jahren sind die Abstoßungsreaktionen besonders groß. Ich gehöre schon zu den Methusalixen unter den Transplantierten. Seit neun Jahren funktioniert das jetzt sehr gut. Nun sinkt aber die Lungenleistung wieder. Normal gehen kann ich schon, aber Steigungen sind eine Herausforderung. Das kann jetzt noch vier oder fünf Jahre dauern oder ganz schnell mit einer neuen Lunge gehen.
ISK Ihnen wird niemals langweilig. Sie möchten weiterhin Aufklärung betreiben?
Hubert Kaufleitner: Die Leitung der Selbsthilfegruppe habe ich abgegeben. Sie hat ein Einzugsgebiet von rund 50 Kilometern. Ich überlege mir aber auch, ob ich nicht einmal in Burghausen eine Informationsveranstaltung mache. Soweit ich weiß, gibt es in Bayern keine derartigen Anlaufstellen. Ich denke, dass es sehr wichtig wäre, die Scheu vor der Organspende zu nehmen. Vor allem, wenn man sieht, wie es Menschen geht, die davon profitieren. Dann spürt jeder den tieferen Sinn.
ISK Vielen Dank für dieses Gespräch und viel Kraft!
Uli Kaiser Inn-Salzach-Kurier